Mein letzter Tag in Sighet (9.10.23)

Der Tag zeigt sich freundlich. Die Sonne scheint, der Himmel ist nur leicht bewölkt. Aber: das Thermometer zeigt 3°! Das riecht nach Winter. Also zieh ich so gut wie alles an was ich habe, aber viel ist das nicht. 


Vor allen Dingen die Schuhe rächen sich jetzt ein wenig. Wenigstens sind sie trocken. Mein Plan für heute ist nicht so berauschend. Eigentlich wollte ich zu den lustigen Friedhof fahren, aber hier ist das gleiche Muster wie gestern auch bei Bren: hin kommt man gut aber zurück wird es schwierig. Der Bus zurück fährt erst 5 Stunden später und 5 Stunden in der Kälte auf einem Friedhof herum zu laufen, ist nicht nach meinem Geschmack. 




Also muss ich mir hier in der Stadt ein wenig die Zeit vertreiben. Was mir gestern schon aufgefallen ist: Hier laufen sehr viele streunende Hunde herum. Halsbänder sieht man selten. Die Nachrichten, die man bei uns auch oft liest, dass es hier in Rumänien viele streunende Hunde gibt, scheinen zu stimmen.


Es gibt hier einen Armenfriedhof, den ich mir ansehen will. Er ist knappe 3 km außerhalb des Ortes und ich mache mich durch die leeren Straßen auf den Weg. Hier in den Straßen stehen eigentlich überall Ein- oder Zweifamilienhäuser mit kleinen Gärten davor und nahezu in jedem Garten Ist ein Hund, der dann immer so lange wartet, bis man ungefähr gleichauf ist und dann hektisch anfängt zu bellen. Langweilig ist der Spaziergang also nicht. 



Das letzte Stück geht leider über eine vielbefahrene Ausfallstraße ohne Bürgersteig, das ist etwas anstrengend zu gehen aber irgendwann komme ich dann laut Navigation an dem Friedhof an. 


Immer wieder schöne Portale

Da hinten ist die Ukraine









Viel zu sehen ist leider nicht. Es gibt eine Art Kapelle, die nur aus einer Treppe und einer großen Glocke zu bestehen scheint und ein paar Kreuze auf einer Wiese. Ich denke, dass die Leute hier alle anonym beerdigt werden. Ich hatte mir etwas mehr davon versprochen, aber im Prinzip ist es egal also mach ich mich wieder auf den Rückweg. 


Inzwischen hatte die Sonne sich hinter einer dichten Wolkendecke versteckt und die Temperaturen sind auf 4° angestiegen. Ich komme an einem Kik-Laden vorbei und bin schwer in Versuchung, mir ein paar Handschuhe und eine Mütze zu kaufen. Konnte dem aber widerstehen!




Ich bin dann noch mal über den Markt gegangen, der jetzt um die Mittagszeit natürlich sehr viel lebendiger war als beim letzten Mal. Hier wird alles Mögliche angeboten, überwiegend aber Obst und Gemüse. Es gibt auch zwei Kneipen, aber hier scheint wirklich nur getrunken zu werden, Speisen stehen leider nicht auf dem Programm. 












Auch hier wieder mehrere streunende Hunde, die sich aber sicherheitshalber mal gut benehmen und deshalb auch nicht verjagt werden.


Eine Straße weiter gibt es noch ein paar, wahrscheinlich eher illegale Stände, und dazwischen stehen bestimmt 20 Leute am Straßenrand, die einzelnen Schachten Zigaretten verkaufen. Schade, dass ich nicht mehr rauche. 










Letztlich habe ich aber noch einen kleinen Stand entdeckt, an dem es etwas zu essen gab. Mit Hilfe meines Übersetzers habe ich herausgefunden, dass es Kuchen mit Käse und Schinken gab. 






Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Es wurde ein Teig im Öl ausgebacken, mit Butter bestrichen und Käse darüber geraspelt.

Und dann Schinken dazugeben. 

Dieser „Kuchen“ wurde zusammengeklappt und dann gehörte er mir. Was soll ich sagen: es schmeckt dir unglaublich lecker.


Es ist ein schöner Markt, und man hat wirklich das Gefühl in Rumänien zu sein: freundliche Leute, sehr frisch aussehendes Obst und Gemüse und als Tüpfelchen auf dem i an jedem dritten Stand große Flaschen mit Palinka. 








Das Zeug wird hier einfach in kleinere Cola Flaschen oder in große Wasserflaschen abgefüllt und dann verkauft. Hochprozentiges für einen guten Schlaf.

Da kommen Erinnerungen hoch an einen Urlaub, das muss so 1975 gewesen sein. 

Wir waren im damaligen Jugoslawien unterwegs und ich bin morgens früh um 5 Uhr auch auf einen Markt gefahren. Dort hat man mir aus einem großen Plastikkanister den dortigen Trester in eine ehemalige Martiniflasche gefüllt und als Verschluss eine Mohrrübe passend geschnitzt und rein gerammt . Das Prinzip ist hier das gleiche.


Dann war ich noch in einem sehr verrückten kleinen Museum. Es ist ein historisches Museum und gleichzeitig geht es auch um Tiere. 














Es gab keinen richtigen Eingang, und da habe ich mich einfach selber zurechtgefunden, bis mir ein sehr freundlicher Herr im Gang entgegenkam. 


Der wollte dann erst mal einer Kollegin Bescheid sagen, dass ich hier bin und die musste dann auch erst mal überall das Licht anmachen. Für angenehme Temperaturen sorgt ein Bautrockner. 












Die nette Museumsmitarbeiterin erklärte mir kurz, dass die frühesten Funde in diesem Museum aus der Bronzezeit circa 1500 v. Chr. stammen, dass es hier aber nicht viele Ausgrabungsstätten gebe; trotzdem hat sich eine Menge angesammelt an Werkzeugen und an Waffen.

Das ganze geht dann über die Bronzefragmente hinaus in die Neuzeit, mit alten Musketen und Schwertern.


In einem der Räume hängen nur Fotos. Die waren offensichtlich hier in der Stadt gemacht aber ich konnte mir es nicht erklären. Die Frau hat dann mit sehr viel Mühe und Aufwand (ihr Englisch war sehr schlecht) erläutert, dass es um Bilder aus den Sechzigern ging in der Zeit vor Ceaucescu. In der Zeit gab es hier noch viele kleine Häuser die so typisch sind für diese Stadt aber er hat vieles abreißen lassen und effiziente Wohnblöcke dort errichtet. 


Ein weiterer Raum war einem Geschichtsforscher (Joan Myhali) gewidmet dessen Wohnhaus hier auch zur Besichtigung bereitsteht, dass aber im Moment renoviert wird. Es war auch ein Raum voller Fotos und auch darüber konnte Sie etwas erzählen. Dieser Forscher (Myhali) war auch ein Historiker der viel über die Stadtgeschichte zusammengetragen hat. Durch den häufigen Wechsel (die Maramures gehörten mal zur Ukraine, dann zu Ungarn und dann zu Rumänien) sind viele Dokumente verloren gegangen oder mussten in diesen Ländern dann wieder besorgt und übersetzt werden. Das hat er getan und darüber sind die Bürger der Stadt auch sehr glücklich. So glücklich dass in dem Raum nicht nur sein Bild hängt, sondern auch die seiner gesamten Familie und die seiner zwölf Kinder. So werden Helden verehrt!


Nun wollte ich in das obere Geschoss mit den Tieren gehen. Hier wiederholte sich die Prozedur von vorhin: das Mädchen ließ mich einen Moment warten und holte dann den Herrn, den ich am Anfang schon getroffen hatte. Er brachte mich dann in das Obergeschoss und bot mir an, mir etwas zu den Exponaten zu sagen. Also eine Exklusiv-Führung für mich als einzigen Besucher in diesem winzigen Museum.














Der Mann, der mich empfangen hatte, stellte sich als Direktor des Museums heraus. Der Gründer, ein Wissenschaftler, der sich viel mit der Historie der Maramures beschäftigt hatte, war sein Mentor und nun leitete er (er ist Tierpräparator) die Stätte. 


Er hat wohl in der Schule Deutsch gelernt aber hatte es nie praktiziert und auch sein Englisch war nicht so toll, aber er hat sich unendlich viel Mühe gegeben, die Informationen an mich weiterzugeben. Das sind Dinge, die man wirklich nur hier erlebt.


Anhand einer Karte wird mir erklärt, dass sich durch die Maramures ein großer Gebirgszug aus vulkanischen Bergen zieht, der zwischen 100O und 2000 m hoch ist. 

Hier wurde unter anderem ein Walknochen gefunden, der wahrscheinlich aus einem Meer stammt, dass vor 25 Millionen Jahren hier gewesen sein könnte . Auch versteinerte Elchgeweihe und Mammutzähne wurden gefunden.

Das Museum ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, das bis in die Siebzigerjahre auch teilweise als Waisenhaus benutzt wurde. Ein sehr schönes altes Gebäude. 

In einer Ecke werden Adler ausgestellt, von denen gibt es hier in den Maramures noch sechs Paar und etwas über 100 Paare in ganz Rumänien.

In der einen Abteilung erzählt er mir eine kleine Geschichte. Es gibt die Legende, dass, wenn man nachts einen Kautz hört, jemand stirbt. Der Ursprung der Legende kommt aus Athen, wo man nachts bei Kranken Licht aufstellte. Öl oder Kerzen waren recht teuer, deshalb hat man normalerweise nachts kein Licht gemacht. 

Die Eulen haben das gerne genutzt weil sie dann besser jagen konnten und haben dieses neu gewonnene Jagdrevier durch ihren Gesang oder durch ihre Rufe „markiert“

Und so kam die Verbindung von dem Schrei des Kautzes und dem Kranken oder zukünftigem Toten. 


Bei den Störchen kommen wir auf die Geschichte, dass der Storch die Kinder bringt. 

Dazu gibt es hier eine Theorie, die besagt, dass die Männer sich nicht gerne waschen vor allem nicht, wenn das Wasser im Winter kalt ist. Also müssen Sie nach der Heirat warten bis zum Juni, weil dann die Flüsse wärmer werden und sie sich wieder waschen. Das erhöht natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen sie in ihre Betten lassen. Und von Juni neun Monate drauf gerechnet fällt mit dem Frühlingsanfang und mit dem Erscheinen der Störche zusammen. 

Passt!












Interessant such die Abteilung mit den Schädeln. Wölfe haben eine andere Schädelform, weil sie wesentlich stärkere Nackenmuskeln haben, die viel stärker sind als die bei den Hunden. Ein Wolf springt mit einem 30kg schweren Schaf im Maul höher als einen Meter über ein Hindernis! 

Der größte Wolf in den Maramures, der erlegt wurde,  ist 2 m lang vom Mail bis zur Schwanzspitze. Das Fell hängt hier an der Wand. 


Ich habe 2 Stunden in dem winzigen Museum zugebracht. In der unteren Etage, wo es um Geschichte ging, war die junge Frau, die mit relativ schwachem Englisch sich alle Mühe gemacht hat, meine Fragen zu beantworten. Es ging mir unter anderem darum, zu verstehen, von wann die Aufnahmen waren, die dort gezeigt wurden und dabei ist es ihr gelungen, mir auch zu erklären, wie vor allem Ceaucescu die Stadt verändert hat, indem er historische Gebäude, Kirchen und Synagogen abreißen ließ und dafür höhere Häuser baute.


Das sind so einmalige und unvergessliche Erlebnisse, wenn man als einziger Besucher in einem Museum charmant und informativ durch die Exponate geleitet wird. Mit sehr viel Herz!


Ein kurzer besuch in der römisch-katholischen Kirche runde te dann meinen Tag ab. Einen reich geschmücktes Haus mit einem riesigen Altar. Bemerkenswert.










Ich war danach noch in einem Café und habe mich aber dann doch nach innen gesetzt und den Rauchern die Terrasse überlassen. Innen war es schön warm!

Nach einem leckeren Cappuccino bin ich zurück in meine Unterkunft gegangen und die Stimmung, in der nun wieder sehr leeren Stadt war ganz seltsam. Der Himmel war grau. Es war auch nicht mehr wirklich hell, ich kam an einer Kastanienverkäuferin vorbei und irgendwie hatte das was von: bald ist Weihnachten. 

Vor kurzem hatte ich noch mit kurzer Hose und T-Shirt in der Sonne gesessen. Jetzt scheint der Winter endgültig zu kommen. Ein wenig bedrückend…

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